JUDITH SAUPPER

L'oubli est la condition indispensable de la mémoire Alfred Jarry (1873-1907)

Theresia Hauenfels

In Bregenz Oberstadt thematisiert ein Objekt in der Kunst.Box, dass früher alles besser gewesen sein soll. Judith Saupper nennt ihre Installation „Gute, alte Zeit“ und markiert alleine durch den scheinbar nebensächlichen Umstand, dass sie einen Beistrich zwischen den beiden Adjektiven fallen lässt, eine semantische Spaltung, denn als fester Begriff wäre nach allgemeiner Sprachnorm dieser wegzulassen. Umso wichtiger ist seine Platzierung, demaskiert der Beistrich doch die Phrase als solche.

 

In der „guten(,) alten Zeit“ waren die Plattformen weit im Meer und die Industrie verhieß noch Wohlstand und Zuversicht. Genau eben die Überreste eines Industriebaus stehen in Form einer Haus-Skulptur, eingequetscht in das Volumen des Glaskubus der Kunst.Box. Auf 13 Stockwerken breitet sich das große Nichts aus, ein Stiegenhaus war aus blindem Vertrauen in die Technik von vornherein nicht eingeplant. Über geblieben ist das Skelett eines Hochhauses in Plattenbaumanier. Die Aufzugtüren, die in Orange Signalwirkung tragen, stellen mit den verbliebenen Ketten die einzige, wie auch trügerische Sicherheit eines Ausgangs, eines Auswegs dar. Wer jedoch das Tor öffnet, steht vor dem Abgrund. Schutz ist keiner mehr gegeben, ein Zustand, der in Zeiten der Wirtschaftskrise als kollektive Bedrohung wahrgenommen wird. Auch in Vorarlberg sind die meisten der traditionellen Textilbetriebe längstens abgesiedelt und produzieren, wenn überhaupt noch, in Billiglohnländern. 

 

Nicht ein Bombardement hat das Haus zur Ruine gemacht, auch wenn in der Rezeption sofort das Bild des Krieges aufsteigt, hat man Schutt vor sich. Vielmehr war die Abrissbirne am Werk, der Fraß entsteht ebenso von innen heraus. Die Dekadenz ist augenscheinlich. Im Inneren entwickelt sich ein Paralleluniversum, vielleicht haben Vogelkolonien die Herrschaft über das Relikt übernommen, vielleicht sind es auch ganze Rudel von Ratten. 

 

In seiner typologischen Baustruktur steht das Hochhaus für eine Zeit, wo schnell gebaut wurde, weil im wirtschaftlichen Aufschwung Raum benötigt wurde. Es ist kein umsichtiges Bauen, das auf Langlebigkeit ausgerichtet wäre, sondern ein gefräßiges Wachstum, das in den 60er und 70er Jahren sich wie ein Bodendecker über ganze Landstriche ausbreitet. Die beiden Türme sind reseda-grün gestrichenen, wodurch sich der Industriecharakter nochmals verstärkt. Die einzige Verbindung der beiden vertikalen Elemente ist ein einsames Stromkabel knapp unter dem Dach. Als Abschluss nach oben hin sitzt ein doppelter Block, der etwas Wehrhaftes ausstrahlt. Die Fensterschlitze erinnern an Schießscharten. 

 

Das Fundament des Hochhauses ist nicht unterkellert. Der Bau steht auf Stelzen, also ob noch Straßen darunter Platz finden sollten. Die Pfosten wurden mit Draht umwickelt, optisch der Idee von Ofenschamott-Teilen nachempfunden. Judith Saupper stellt ihr Objekt gewissermaßen auf ein Podest, wie eben auch aus Schutzmechanismus der eigenen Psyche gegenüber die Vergangenheit beschönigt wird. Wie es wirklich war, will niemand mehr wissen: besser das Ruinöse luftdicht verpackt in eine Glashülle stecken und keinen Staub, keinen Modergeruch in das Hier und Jetzt durchdringen lassen. Was bleibt ist die subtile Schönheit des Verfalls, die Konkordanz zwischen der hellgrünen Fassade oberhalb der Kunstbox mit der des ausgestellten Objektes und die Gewissheit, dass das Heute schon morgen Vergangenheit ist und damit seinen Anspruch auf Melioration in sich trägt.