JUDITH SAUPPER

Irgendwo jenseits von Eden

Renée Gadsden, 2013

Judith Saupper ist nicht nur visuelle Künstlerin; sie ist auch Regisseurin, der Cecil B. DeMille ihrer eigenen kraftvollen Miniaturwelten. In Arbeiten wie Das Haus meiner Träume (2011) oder Sorgfältige Zukunftsplanung (2013) baut sie kleine hausartige Objekte mit Treppenhäusern, von denen manche irgendwohin führen, manche mitten in der Luft abbrechen. Sie baut Räume und richtet sie ein. Zerstört sie, richtet sie wieder ein. Die Skurrilität mancher ihrer Objekte erinnert an Cornell-Räume. Potemkin (oder Mensch wie Haus) (2011) ist Joseph Cornells Untitled (Window Façade) von 1951 nicht unähnlich. Saupper gestaltet Umgebungen für Schauspieler, die nie besetzt werden, perfekte Bühnenbilder für Gesellschaftsdramen, die nie gespielt werden. Dem Wer und Was, dem Wie und Warum ihrer Interaktionen wird sie sich nie stellen. Es reicht aus, das Bühnenbild dafür geliefert zu haben und zu wissen, dass die Schauspieler (in ihrem Fall: die Betrachter ihrer Kunst) aus eigenem Antrieb eintreten werden.  Fiktive Architektur ist Judith Sauppers Milieu. Ihre Arbeiten besitzen dieselbe kontemplative Ruhe, auf die in Besprechungen der Projekte des Architekten Peter Zumthor häufig hingewiesen wird, dessen Arbeitsansatz wie seine Designs selbst bei Saupper stark mitschwingen. Diese Atmosphäre der Ruhe steht in krassem Gegensatz zum scheinbaren Durcheinander und der Verwüstung, die sie in vielen ihrer Objekte zeigt. Die Anziehungskraft ihrer Arbeit besteht in der Spannung zwischen Zerstörung und Beschaulichkeit. Der Betrachter fühlt die gewaltigen Kräfte, die am Werk gewesen sein könnten, die Gewalt natürlicher oder menschengemachter Katastrophen, derentwegen die Wände ihrer Objekte zerbröckelt und verfallen sind. Saupper konfrontiert uns auf poetische und doch nüchterne Weise mit den Folgen der Zeit. Wie Edgar Allen Poe anerkennt sie den Triumph des Erobererwurms, allerdings mit einem humorvollen Zwinkern. Nach eigener Aussage dokumentiert sie „die Zeit, die da nagt“. Die Kunst von Judith Saupper könnte in der Ära nach dem Abwurf einer Neutronenbombe verortet sein. (Die Neutronenbombe war ein Orwell’sches Produkt des Kalten Krieges der 1970er-Jahre, eine Erfindung, die der Öffentlichkeit auf beinahe fröhliche Art nach dem Motto „Glauben Sie an den Fortschritt“ präsentiert wurde: eine Bombe, die die Menschen tötet, aber Gebäude intakt lässt.) Urbane Landschaften, Innenräume, Wohnhäuser, Brücken, Kellertüren, Autobahnen: Judith Saupper dokumentiert eine Welt, in der Menschen nicht existieren. Emotionslos wie eine Gerichtszeichnerin benützt Saupper Tusche und Papier, um unerbittlich die Visionen ihres inneren Auges zu dokumentieren Naturkatastrophen als Katalysatoren für drastische Veränderung faszinieren die Künstlerin. Der Hurrikan Katrina fegte 2005 durch Sauppers Bewusstsein wie über die Küste von Louisiana. Die Zerbrechlichkeit jeder kleinen, bescheidenen Existenz, der unsichere Halt auf der Erde, die Holzhäuser, die der Hurrikan geschüttelt und verlagert hatte, enthüllten Judith Saupper ihre innere Logik. Sie hat ihre Botschaft für uns in eine visuelle Grammatik übersetzt, die nüchtern, das heißt schlicht ist und doch beim Betrachten ein Lächeln auslösen kann, wie die Zeichnung Immer ist Anfang (2012). Andere Zeichnungen, wie viele aus der Serie Hinterland von 2009, erinnern an Le Corbusiers Plan Obus-Zeichnungen für Algier: Massive Festungen von Häuserblöcken dominieren schroffe Landschaften, die von mehrspurigen Autobahnen durchzogen sind. Unerbittlich und verständnislos zeichnet Judith Saupper für uns Visionen, die aus einer Science Fiction-Perspektive als Visionen unserer Zukunft konstruiert werden könnten. Arbeiten mit Titeln wie Paralleluniversum (2011) oder Der Besuch ist da! #1-3 (2011), die aus einer Serie von schwarz-weißen Foto-Lichtboxen besteht, in denen geheimnisvolle UFO-Blasen vom Himmel auf leere urbane Landschaften herunterschweben, verstärken die Science Fiction-Aura, die Sauppers Arbeit durchzieht. Das einende Element ihres Schaffens ist das Fehlen menschlicher Präsenz in körperlicher Form. Die Abwesenheit von Menschen in Sauppers OEuvre ist keineswegs lebensfeindlich. Ihre Räume ohne Körper sind eine Einladung an die Menschheit, sich auf diese Spielplätze einzulassen, die sie so akribisch und großzügig dafür geschaffen hat. Dennoch sind ihre Schöpfungen nicht voller Sehnsucht; sie warten auf niemanden. Sie existieren als unausgesprochene Frage, als Plattform für eine Interaktion, die bezüglich der Zeit, der Dauer und in alle Richtungen frei wählbar ist. Sauppers Arbeit vermittelt einen elementaren Glauben an die Menschheit, einen sogar freudigen Glauben an gute Ausgänge. Diese Qualität manifestiert sich nicht nur direkt in den Arbeiten, sondern auch in ihrer geistreichen Wahl von Titeln wie Viva la revolución, Oh, Sweet Suburbia … und Gute, alte Zeit. Ihre Untersuchungen der Interaktionen von menschlichem Fleiß, der sich vor allem in der Architektur manifestiert, und Natur machen sie zusammen mit der Haltung, dass das bestmögliche Ergebnis erreicht werden kann, zu einer Geistesgenossin des Architekten und Erfinders R. Buckminster Fuller. Saupper hat mehrere Prototypen möglicher Häuser gebaut (einer davon aus gefundenen Materialien in den Ästen eines Baumes; ein weiterer in Form eines U-Bootes auf der Spitze einer hohen Säule) und fügte Fotografien davon als Montagen in verschiedene Landschaftsszenen ein. Damit ermöglicht sie uns einen frischen Blick darauf, wie die städtische Umgebung aussehen könnte. Wie Fuller, der mit John Cage zusammenarbeitete, hat Saupper auch mit Komponisten wie Rupert Huber gearbeitet, der 2011 die Soundinstallation für ihr Objekt Echo schuf. Sauppers Arbeit ist offen und erlaubt die Entwicklung der Kontingenz jeder Situation. Sie beschreibt die Zeichnung Das Beruhigende von trennenden Linien (2012) als Abbildung eines Gitterzauns, der den Betrachter vor hässlichen Gebäuden schützt. Das genaue Gegenteil könnte ebenfalls wahr sein: Der Zaun könnte die Gebäude, die in einer Gruppe zusammengedrängt erscheinen, vor dem Betrachter schützen. In der Fotoserie Überprüfen von Realitäten (2013) demonstriert sie, wie der Plan, das Muster, das man von seinem Leben hat, aufgebrochen werden kann. Es braucht nur einen Schritt zur Seite oder eine Drehung der Fotos um 180 Grad, um die Dinge völlig anders zu sehen. Das Paralleluniversum unzähliger Möglichkeiten ist eine der tragenden Ideen, die ihre Arbeit beharrlich durchziehen. Sorgfältige Zukunftsplanung ist das Objekt, das der Ausstellung den Namen gibt. Ein turmartiges Element aus prekär aufeinandergestapelten Räumen, die unterschiedliche Ordnungszustände zeigen, ist wie mit Tapeten mit schwarz-weißen Tuschezeichnungen eines Planes bedeckt, obwohl nicht enthüllt wird, wozu der Plan dient. Saupper sagt flapsig, dass die Räume des Objekts das „Ergebnis dessen sind, dass man sich an den Plan hält“. Das Slavrumische Meer (2012) aus der Serie Wien liegt am Meer zeigt eine von Saupper erschaffene Landschaft, in der die Länder nördlich der Donau bei Österreich im „Slav(isch)/Rum(än)ischen Meer“ versunken sind. Es handelt sich um eine neue Topografie, die ihre Vorlieben bedient, die Wien an der Küste eines Ozeans verorten und dadurch um das eine Element ergänzen, das Wien fehlt, um es ihrer Ansicht nach zu einem „perfekten“ Wohnort zu machen. Sauppers Tuschezeichnungen – so einfach und scheinbar endlos – fließen in rhythmischen Linien aus ihrer Feder, die einen kompromisslosen Willen und eine perfekte Beherrschung des Mediums zeigen. Bei der Betrachtung von Triangulation von Vorlieben (2012) hat man den Eindruck, die Serie könnte unendlich fortgesetzt werden. Furchtlosigkeit, Neugierde, zarte Handarbeitstechnik, die Präzision eines (Schweizer) Uhrmachers, die Fähigkeit, dramatische Maßstabsänderungen zu visualisieren, die Fertigkeit, mit unzähligen Materialien umzugehen, das unbekümmerte oder vielmehr unbeschwerte Gespür von jemandem, der in seinem Metier eine gewisse Meisterschaft erreicht hat: All dies vereint Judith Sauppers Kunst und Arbeit. Sie propagiert den Glauben an Schönheit und Harmonie der Form. Saupper hat die Überzeugung geäußert, dass Menschen und Institutionen zusammenarbeiten können, um die Gesellschaft zum Besseren zu verändern. Ihre Arbeit ist ein Signal dafür, dass diese Metamorphose in unserem anstatt in einem Paralleluniversum stattfinden kann.