JUDITH SAUPPER

En gros – en détail

Theresia Hauenfels

Ein Hinterhof in Wien Neubau. In Eisen gefasste Sprossenfenster zeugen vom ehemals industriellen Charakter des Ortes. Judith Saupper sitzt vor einer Tasse grünem Tee, hinter ihr schweben Skulpturen an Nylonschnüren frei im Raum. An der Wand hängen Plakate von Filmen, für die sie das Setting gemacht hat. Sie blickt freundlich über den transparenten Rand ihrer Brille, die in Form und Material – wie auch ihr Uhrband – an die 50er Jahre erinnern. Zwar impliziert der dezente Retrochic, kombiniert mit raspelkurzen Haaren, dass die Künstlerin ein Faible für das Vergangene hat, doch lassen die klaren Worte, mit denen sie sich über ihre Arbeit äußert, keinen Funken Nostalgie aufkommen. „Mir geht es um die Grundängste“, sagt sie und beißt in ein Laugencroissant. Ihre Skulpturen sprechen Entwurzelung an, das Gefühl des Verlorenseins. Nur wenn man oberflächlich hinschaut, erblickt man in den Abbildern von Wohnszenarien Reminiszenzen des Trugbildes vom trauten Heim.

 

Da wäre etwa „Das Haus meiner Träume“, das in einer Agglomeration von beklemmenden Situationsfolgen das Verloren sein seiner fiktiven Insassen visualisiert. Der Betrachter trifft zwar bewohnte Räume an, die in der Detailliertheit ihrer Wiedergabe staunen lassen, doch niemals die Protagonisten direkt, selbst wenn die Spuren so lebendig wirken, als hätten sie gerade eben das Zimmer verlassen. Durch die Immersion in das Szenario wird der Rezipient vom Voyeur selbst zum Gast und damit Teil der Installation. 

 

Das physische Eintauchen in die Welten erzeugt Judith Saupper durch Authentizität, die proportional zu ihrer Verkleinerung an Skurrilität gewinnt. „Erst wenn die Einrichtung, das Inventar so klein ist, dass nicht mehr darstellbar, dann höre ich auf. Das ist die einzige Reglementierung von außen.“ Immer wieder aufs Neue gelingt es ihr, dass man sich auf die von ihr geschaffenen Realitäten einlässt. Der Vorteil am Modellhaften, so die Künstlerin, ist der größere Überblick aus der distanzierten Perspektive. Nach einem ähnlichen Prinzip wie Jonathan Swift bei Gulliver´s Aufenthalt in Liliput, der fiktiven Insel im Südpazifik, die Dichotomie zwischen dem Zwerg- und dem Riesendasein aufspaltet, blicken wir in die Geisterhäuser der Künstlerin. Treffen den Verschwörungstheoretiker und den Büchermenschen, erleben mit, wie Welten aufeinander prallen und darin das Absurde gedeiht. Judith Saupper kommt auch ohne Moralkeule aus. Der Humor ist ihr Verbündeter. Eine ihrer Fotoserien heißt lakonisch: „Der Besuch ist da!“ Unter Vorspiegelung von Harmlosigkeit, als ob eben schnell einmal die Nachbarn zum Abendessen vorbeikommen würden, stellt sie jedoch einen Überfall von Außerirdischen dar. Sie liebt das Überraschungsmoment, wenn das vermeintlich Liebliche seine schaurige Dimension offenbart. 

 

Mit fester Stimme, in der sich ihre alemannischen Wurzeln erahnen lassen, kommentiert sie die Ausweitung ihres Werks auf die Ebene der Fotografie. Das Umfeld, das sie damit generieren kann, ist reizvoll, da konkret. Auch hier wird die Dimension einer Glockenblume, je nach Blickwinkel, neu verhandelt. Mit dem Foto wird die Materialität, die in ihren Skulpturen so frappante Metamorphosen erlebt, aufgelöst und Erinnerung simuliert. Die Architekturen ihrer Modelle die sie mitunter in fotografierte Landschaften montiert, werden manchmal von der Realität eingeholt, so grotesk und überzogen sie auch scheinen mögen. „Die Architekten erzählen mir in den Ausstellungen immer, wo meine Häuser tatsächlich stehen.“

 

Der Transfer in die Parallelwelt der Kunst ist ihr aber wichtiger als das Abbilden von Bestehendem. Auszubrechen wird als Alternative angeboten. Judith Saupper lässt selbst Bauwerke die Flucht ergreifen. So bewegt sich das seinen Fundamenten entrissene Einfamilienhaus mit Garten bei der Installation „Heimaten. Hie und da“ entlang einer unprätentiösen mechanischen Konstruktion durch die Luft und hinterlässt dabei eine Erdspur am Boden. Wunde Stellen einer Gesellschaft, die sich zunehmend mit dem Thema Migration auseinander zu setzen hat. Der Blick zurück in die „Gute, alte Zeit“ hilft da wenig. Löchrig die Fassade eines zerbombten Wohnblocks beim einen, das andere eine Industrieruine ohne Stiegenhaus und Aufzug: Die beiden Arbeiten mit großer Raumpräsenz veranschaulichen das, was man gerne hinter sich lässt, um irgendwann an der Enge der Erfüllung eines vermeintlich perfekten Lebens erst recht zu scheitern. Oder doch seinen Platz zu finden.

 

Nur „Objektkünstlerin“ zu sein, ist ihr zu wenig. Judith Saupper erzählt Geschichten. Und damit ist sie gar nicht so weit entfernt von Claudio Magris und den narrativen Strängen, die er in „Die Welt en gros und en détail“ spinnt.